Die frühe Gegenwart des Endes

Naherwartung der Apokalypse im Werk Bertha Duddes

24.05.02

Robert Berghausen

Bertha Dudde wird in der konfessionskundlichen Literatur als „Prophetin der Endzeit“ bezeichnet. Dieser Titel wurde ihr sicherlich nicht zu Unrecht verliehen, da ein Grossteil ihres Werkes sich mit dem Thema Apokalypse und Endzeit befasst. In den 28 Jahren ihres schriftstellerischen Wirkens berichtet sie in dichter Folge über die Katastrophen, an deren Ende die Totalzerstörung der Erde stehen soll.

Endzeitliche Bilder sind in der religiösen Mythologie nichts Ungewöhnliches. Bemerkenswert und gewagt ist es allerdings, die Realisierung der angekündigten Ereignisse in die Gegenwart zu verlegen. Damit wird eine wortgenaue, keine mythologische Interpretation gewählt. Trifft die Prophezeiung nicht ein, wird das ganze Werk unglaubwürdig.

Bertha Dudde schrieb am 1.6.1948 eine Kundgabe mit dem Titel: „Die Gegenwart bringt das Ende“. B.D. Nr. 4320

„Und Ich sage es euch immer wieder: Ihr werdet das Ende erleben...Es ist ein dringender Mahnruf, den Ich an die Menschen sende, die nun die Erde beleben, es ist ein Ruf, den ich noch verstärken werde, weil es nötig ist, dass ihr von der Gewissheit, lange Zeit zu haben, abgeht, weil es nötig ist, dass ihr euch mit den Gedanken an ein plötzliches Ende befasset und euch Mir zu nähern suchet. Ihr habt nur noch wenig Zeit, und ihr werdet sehr bald emporgeschreckt werden aus eurer Ruhe, in eure Herzen wird eine Furcht kommen, die ihr nur bannen könnet durch Meinen Anruf, durch gläubiges Gebet, das euch Kraft und Ruhe geben wird.“

Als Bertha Dudde dieses schrieb, waren seit Kriegsende drei Jahre vergangen. Sie hatte viel gelitten. Aus dem schlesischen Liegnitz vertrieben, war sie nach mehreren kurzen Zwischenaufenthalte schließlich im rheinischen Leverkusen angesiedelt worden und wohnte dann im Ortsteil Schlebusch. Hier standen noch einige unzerstörte Häuser, während die Innenstadt Leverkusens mit dem Ortsteil Wiesdorf fast vollständig zerbomt worden war. Die Nachbarstadt Köln glich einer Mondlandschaft, obwohl sich schon wieder erstes Leben regte und der rheinische Frohsinn auch in der Katastrophe den Humor nicht verloren hatte. Der Karnvalsschlager der Saison hieß: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien. Mit Letzterem waren die drei westlichen Besatzungszonen gemeint. Leverkusen lag in der britischen Zone.

Die russische Zone war schon fest in kommunistischer Hand. Die Sowjetunion probte den Machtkampf mit den Westalliierten , der im Juni 1948 zur Blockade Westberlins führte. Mitte des Jahres 1948 ging die Angst um, der Krieg könne wieder aufflackern. Die atomare Zerstörung japanischer Städte durch die US-Armee ließ das Schlimmste befürchten. Der „Gedanke des plötzlichen Endes“, so die Worte des Textes, war ständig präsent. So heißt es: „Ihr werdet das Ende erleben.“ Was aber war mit dem „Ende“ gemeint?

„Es ist die Zeit vollendet, und ob ihr euch auch wehret gegen diesen Gedanken...ihr habt alles zu gewärtigen, was das Ende mit sich bringt. Ihr seid es, die den letzten Kampf erleben, die ihn bestehen sollen; ihr seid es, die das letzte Gericht erleben, die entweder Mein Kommen in den Wolken und die Heimholung der Gerechten oder das letzte Vernichtungswerk sich abspielen sehen, je nach eurer Einstellung zu Mir, nach eurem Willen und nach eurer Liebe. Ihr seid es, die sich entscheiden müssen, weil es für euch nach dem Tode kein Eingehen in das jenseitige Reich gibt, so ihr dem Gegner euch zuwendet, sondern ihr euren nochmaligen Gang durch die Schöpfung der neuen Erde zurücklegen müsset nach Meinem Ratschluss von Ewigkeit.“

Dieses drohende Szenario geht weit über die Vorstellungen eines atomaren Krieges hinaus. Dudde beschreibt in geraffter Form die Totalvernichtung der Erde und das letzte Gericht Gottes über die Menschheit. Es gibt nur zwei Alternativen: Die Gerechten werden von Gott heimgeholt, d.h. mitsamt ihrem physischen Körper von der Erde hinweggenommen und in ein jenseitiges himmlisches Reich entrückt. Menschen ohne Liebe, diejenigen, die sich willentlich von Gott abgewendet haben, werden ihre Individualität verlieren. Sie verlieren nicht nur ihren Körper. Ihre seelische Integrität wird aufgesprengt. Die Seele tritt einen erneuten Gang durch die Naturreiche an. In zahllose Partikel zerstreut wird sie von den Elektronen der Mineralien umhüllt werden. Sie steht wieder am Beginn eines unendlich langen Zyklus, bis sie schließlich nach einem Durchgang durch Pflanze und Tier sich wieder in einem menschlichen Körper zusammenfindet.

Diese letzte Generation wird unmittelbar gerichtet werden. Vorangegangene Generationen hatten noch die Möglichkeit, nach dem Tod, in der jenseitigen Welt, eine moralische Verbesserung zu erreichen. Diese Chance ist nun genommen. Der Plan Gottes ist nach Dudde unabwendbar, er ist „Ratschluss von Ewigkeit“.

„Erwartet nicht das Ende in der Zukunft, machet euch mit dem Gedanken vertraut, dass die Gegenwart euch das Ende bringt, dass ihr selbst betroffen werdet und über euch alles kommen wird, was Seher und Propheten vorausgesagt haben in Meinem Willen. Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen und als Bestätigung Meines Wortes aus der Höhe zu euch sprechen, und Ich werde es tun in Kürze, weil die Zeit drängt bis zum Ende.“

Dudde schreibt, dass in Kürze, noch in der Gegenwart, das Ende nahe. Die von anderen Sehern und Propheten angekündigten Katastrophen, sie sollen sich jetzt ereignen. Ihre Worte klingen eindringlich, mahnend. Ein Vorbehalt, eine Einschränkung, jegliche Form von Relativierung ist diesen Sätzen nicht zu entnehmen. Dieses sollte man bei der späteren Bewertung des Textes bedenken.

„Ich werde euch, die ihr Mein seid durch euren Willen, Mir zu dienen, noch einmal Kenntnis geben kurz bevor, auf dass ihr nicht unvorbereitet den Tag erlebet, denn obgleich ihr glaubet, dass Mein Wort Wahrheit ist, nehmet auch ihr es noch nicht ernst genug mit Meiner Voraussage, ihr rechnet noch immer mit einer Gnadenfrist, niemals aber mit Meinem baldigen Kommen, das euch aber bevorsteht. Doch sehnlichst werdet ihr Mich erwarten, so die Zeit des Glaubenskampfes gekommen ist und ihr in der letzten Phase dieser Erdperiode eingetreten seid.“

Anscheinend gibt es nach Dudde selbst unter den Dienern Gottes solche, die die Voraussagen nicht so ganz ernst nehmen und auf eine Gnadenfrist setzen. Diese Hoffnung sei jedoch trügerisch. Denn Gott werde sich unmittelbar vor Beginn des Geschehens den seinigen noch einmal kundtun. Ein baldiges Ende werde ohnehin von ihnen erwartet werden, da die Welt sich in einem Glaubenskampf befinde. Es stellt sich hier die Frage, ob die Zeit des Jahres 1948 gemeint sein kann. Was meint sie mit „Glaubenskampf“? Sicherlich nicht die Auseinandersetzung zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Stalinismus, dafür waren sich die Ideologien im Kern zu ähnlich. Glaubenskampf meint wohl eher eine Art Krieg gegen den Glauben an den liebenden Gott. Das aber kann nur der Kampf gegen den rechten Glauben sein, so wie ihn die Kundgaben verkünden. Der christliche Glaube der Kirchen ist laut Dudde ja nur in Teilen der rechte Glaube. Ihre Kirchen- und Theologiekritik ist scharf. Das Kundgabenwerk Bertha Duddes ist Teil des göttlichen Heils- und Erlösungsplans. Ein Glaubenskampf um diese Neuoffenbarung war im Jahr 1948 noch ausgeschlossen, da sie nur wenigen Personen bekannt war. Folglich muss eine spätere Zeit gemeint sein, eine Zeit, in der die Kundgaben bekannt sind und eine Entscheidung vollzogen werden kann.

Mit diesen Überlegungen kommen wir in den Zentralbereich der derzeitigen Spekulationen über die Aktualität der Endzeitkundgaben. Wer die Texte Bertha Duddes für das authentische Wort Gottes hält, wird alle in den Kundgaben gemachten Voraussetzungen als bindend ansehen. Außenstehende Betrachter werden diesen Beweiszirkel nicht betreten. Ihnen ist es egal, ob Dudde die Generation der vierziger Jahre oder der Jahrtausendwende gemeint hat. Der Glaube an die Endzeitlehre Duddes steht und fällt mit der Autorität, die ihren Schriften beigemessen wird. Derjenige, der ihnen göttlichen Ursprung unterstellt, wird sich nicht davon beeindrucken lassen, dass die 1948 angekündigten Ereignisse nicht eingetroffen sind. Sein Argument muß lauten, dass der angekündigte Glaubenskampf noch nicht stattgefunden hat.

Der Glaube an die Endzeitoffenbarungen hat Folgen für das tägliche Leben.

„Dann werdet ihr die Welt verachten gelernt haben, ihr werdet kein Verlangen mehr tragen nach irdischen Gütern, ihr sehnet euch nur noch nach Meinem Wort, und Ich werde im Wort auch immer bei euch sein und euch Trost zusprechen bis zu dem Tage, da Ich erscheinen werde in den Wolken, da eure Not riesengross geworden ist und nur noch die Hilfe von Mir aus kommen kann.“

Die im Glaubenskampf Bedrängten verachten die Freuden der Welt, die nach Aussage Duddes wie anderer Gnostiker das Reich des Satans ist. Der Dualismus ist konsequent: Hier die Diener Gottes. Sie können ihrer Erlösung sicher sein, Gott ist ihnen nahe im gehörten und gelesenen Wort. Dort die Anhänger des Fürsten dieser Welt. Sie haben noch eine Chance bis zuletzt, dann jedoch wird auch diese Möglichkeit ausgeschlossen sein. Das „Kommen Christi auf den Wolken“ ist ein biblisches Motiv. Offensichtlich wird auf dieses Motiv angespielt.

Die Erhabenheit der biblischen Metapher kontrastiert mit der sprachlichen Trivialität einer „riesengrossen“ Not. Dudde verwendet eine umgangssprachliche Steigerungsform, die gemeinhin als „schlechtes Deutsch“ gilt. Kurt Tucholsky hat sich satirisch über die Not der armen Riesen beklagt, die für manches herhalten müssen. Wir werden den Riesen noch einmal im folgenden letzten Absatz der Kundgabe begegnen:

„Ihr müsset sicher damit rechnen, dass ihr diese Zeit erlebet, so Ich nicht einen oder den anderen Meiner Diener vorzeitig abrufe nach weisem Ermessen. Ihr alle werdet überrascht sein, wie bald die Ereignisse eintreten, die Ich lange bevor angekündigt habe durch die Stimme des Geistes. Und so Ich einmal in Erscheinung trete, geht es mit Riesenschritten dem Ende zu. Wer im tiefen Glauben steht, der wird trotz Not und Leid innerlich jubeln, denn er weiss, dass einmal der Ausgleich kommen wird, dass einmal alle Not ein Ende hat, dass eine neue Zeit beginnt wieder mit dem Paradies, wie Ich es verheissen habe... Amen.“

Die anfänglich vermutete Naherwartung erfährt jetzt eine weitere Umformung. Der Beginn der Endzeit ist nach Dudde dann, wenn Gott in Erscheinung tritt. Sein Erscheinen in den Wolken stehe jedoch noch aus. So wie die Not und das Leid der Verfolgung noch nicht aktuell seien. Die Ankündigung des Paradieses beendet diese Kundgabe. Nach der Zerstörung und Umgestaltung dieser Erde werden die von Gott mit dem Leibe Entrückten wieder auf die Erde zurückversetzt. Dort nun ist auf lange Zeit jede böse Kraft gebannt, so dass eitel Frieden und Freude herrschen.

Der hier besprochene Text zeigt deutlich, wie vielschichtig das Kundgabenwerk Bertha Duddes angelegt ist. Triviales und Erhabenes liegen dicht nebeneinander. Zeitgeschichtliche Krisen sind im Hintergrund des Geschehens durchaus spürbar. Doch sind sie höchstens Anlass, nicht jedoch treibendes Motiv der endzeitlichen Ankündigungen. Das verbindende Element aller 9030 Kundgaben ist der kämpferische Dualismus von Gut und Böse.

Dieser Dualismus scheint zeitlos zu sein. Die angekündigte Endzeit bildet nur eine Zäsur in einem Gesamtgeschehen, das sich noch über Ewigkeiten erstrecken soll. In immer wieder aufeinanderfolgenden Zyklen vollziehe sich das Erlösungsgeschehen. Es ist eine Zeitlosigkeit in der Zeit. Die Spekulationen über den Zeitpunkt des vorläufigen Endes erledigen sich im Angesicht der Ewigkeit. Der mythische, ahistorische Charakter des Dudde-Werks, nirgendwo ist er so deutlich wie in den Texten, die sich mit den Themen Apokalypse und Endzeit befassen.

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