Jesus Christus im Dudde-Werk

20.05.02

Robert Berghausen


B.D. 7000 23.12.1957

“Immer wieder wird euch das Christus-Problem vorgetragen, immer wieder wird versucht, euch das Verständnis dafür zu erschließen, wenngleich es von eurem Liebegrad abhängig ist, daß es euch verständlich wird. Aber unzählige Seelen auf Erden und im geistigen Reich beschäftigen sich mit diesem Problem, weil sie Aufklärung haben möchten über Lehren, die sie glauben sollten und doch nicht überzeugt sich dazu einstellen können.“

Bertha Dudde erhebt den Anspruch, das „Wort Gottes“ zu übermitteln. So ist es Gott selbst, der die Leser anspricht. Dudde hat alle auf Gott bezüglichen Nomina, wie z.B. Mir, Mich, Ich, Ich Selbst etc. großgeschrieben. Dieser Eigenart verdanken wir es, dass klar ersichtlich wird, wann von Gott die Rede ist.

Die Kundgaben sprechen häufig vom „Christus-Problem“. Damit gemeint ist die Frage: Wer war bzw. ist Jesus Christus? Ist er Gott, war er nur ein Mensch wie wir alle, oder ist er beides? Die christliche Tradition lehrt, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch war, er die göttliche und die menschliche Natur in sich trug. Dies ist der kirchliche Glaube. Viele Menschen können mit diesem Glauben nur noch wenig anfangen, er überzeugt sie nicht. Selbst unter Christen gibt es viele, die Jesus von Nazareth zwar für einen großartigen Menschen halten, an seine Göttlichkeit jedoch nicht glauben können.

Dudde schreibt, dass dies sogar „im geistigen Reich“ nicht anders sei. Somit erfahren wir, dass die Kundgaben angeblich von einer geistigen Welt ausgehen, die der unsrigen parallel ist. Sie beherbergt Geistwesen. Dies sind die Seelen verstorbener Menschen, aber auch Engelwesen, die (noch) keinen menschlichen Körper angenommen haben.

„Auf Erden zwar sind es nur wenige, denn schon eine ernste Frage darüber würde auch beantwortet werden von Mir aus, der Ich doch will, daß ihr Menschen im Licht und in der Wahrheit wandelt. Doch die Menschen legen nur hastig beiseite, was sie nicht fassen können und lassen ihre Gedanken in andere Richtung schweifen. Aber die Seelen im Jenseits, die nicht ganz in den Banden meines Gegners sind, denken darüber nach, sowie sie nur einen Anstoß bekommen, sowie der Name Jesus ihnen ins Gedächtnis kommt oder sie anderweitig an Jesus Christus erinnert werden.“

Es gibt wohl nur wenige, die ein ernsthaftes Interesse an der Lösung des Christus-Problems haben. Und diese wenigen wären auf eine Neuoffenbarung, die ihnen das Problem löst, gar nicht angewiesen. Dazu mehr in einem gesonderten Artikel. Weiter bei Dudde: Eine ernsthafte Frage, aus einem liebevollen Herzen an Gott gerichtet, würde dazu führen, daß Gott dem Fragenden die Antwort eingibt. Die Text gehen an anderer Stelle auf diese inspirative Wahrheitslehre ein. Verkürzt lässt sich formulieren: Die Wahrheit wird dem Menschen von Gott eingegeben, wenn er sich in Liebe um göttliche Inspiration bemüht. Die Seelen im Jenseits sind für die Frage nach Christus empfänglicher. Sie haben von ihm gehört, sei es noch auf Erden oder durch Unterrichtung in der geistigen Welt.

Eine Ausnahme bilden nach Dudde diejenigen, die „ganz in den Banden meines Gegners sind“. Mit dem Gegner ist Luzifer gemeint. Luzifer war der erste Geist, den Gott „aus sich herausstellte“, wie sie es formuliert. Er war das höchste Ebenbild Gottes und schuf zusammen mit Gott unzählige weitere Geistwesen. Er wurde Gott jedoch untreu und verführte einen Grossteil der Geistwesen zum Abfall von Gott. Gott stürzte ihn und seinen Anhang aus dem Himmel. Alle Gott widersetzlichen Geister wurden mit Materie umhüllt. Sie sind in die Materie gebannt und an die Naturgesetze gebunden. Erst nach dem Durchgang durch die Naturreiche verkörpern sie sich als Mensch und haben nunmehr die Freiheit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Die Lehre vom Geisterfall und der Rückkehr zu Gott ist das Kernstück der Schöpfungs- und Erlösungslehre. Auch dieser Punkt wird in einem weiteren Artikel kommentiert werden.

„Und dann soll ihnen auch Antwort werden, auf daß sie im jenseitigen Reich noch zu Ihm finden und Ihn anrufen um Gnade und Erbarmung, um Erlösung aus ihrer Not. Denn solange sie den göttlichen Erlöser noch nicht gefunden haben, stehen sie auch noch zu mir in Abwehr, der Ich Selbst in Jesus Christus das Erlösungswerk vollbrachte. Und dieses Licht muss erst in ihnen entzündet werden, daß Ich um der großen Sündenschuld der Menschen willen herabstieg zur Erde, daß Ich alle Menschen erlöste von ihrer Urschuld, aber auch das Anerkennen des Erlösungswerkes und die bewusste Verbindung mit dem Erlöser der Menschheit fordere, weil dann auch die Urschuld getilgt ist durch die bewusste Anerkennung Meiner Selbst und die Rückkehr zu Mir nun auch erfolgt, die ohne jenes Erlösungswerk unmöglich war.“

Dieser Absatz handelt von den Seelen im Jenseits. Denn auch dort haben diese nach Dudde noch die Möglichkeit, zu Christus zu finden. Sie müssen um ihre Schuld, ihr einstiges Bündnis mit Luzifer, wissen. Sie können erfahren, dass Gott selbst in Jesus Christus das Erlösungswerk vollbrachte. Was unter der Erlösung zu verstehen ist, wird im Verlauf der Kundgabe noch näher erläutert. Der hier beschriebene Weg der Rückkehr zu Gott beginnt mit dem Wissen um Schuld, Erlösung und Umkehr. Hinzukommen muss jedoch eine Anerkennung des Erlösungswerks und die bewusste Verbindung mit dem Erlöser, also Jesus Christus.

Dieser Umkehrprozess ist im menschlichen Erdenleben ebenfalls möglich und wäre segensreicher als eine Umkehr der Seele erst nach dem leiblichen Tod .Vielen Menschen ist dies aus verschiedensten Gründen unmöglich oder verwehrt. Manche mögen zwar um diese Möglichkeit gewusst haben, verwarfen sie aber wieder. Doch für alle Seelen gibt es nach den Aussagen von Bertha Dudde auch nach dem Tod eine weitere Chance. Niemand bleibt aus äußeren Gründen von der Erlösung ausgeschlossen. Interessant ist, dass Gott die Anerkennung „fordert“, d.h. ohne wissentliche und willentliche Anerkennung der Erlösung kann die Seele nicht zurückkehren, sondern muss weiter in der Gottferne verharren.

„Den Menschen Jesus kennen wohl alle, aber nicht alle glauben an seine Mission, daß er Mir Selbst zur Hülle wurde durch seine große Liebe und daß ich nun in ihm das Erlösungswerk vollbrachte. Und das Wissen darum besitzen nicht sehr viele Menschen auf der Erde und auch Seelen im jenseitigen Reich. Wird es ihnen aber wahrheitsgemäß dargebracht, dann nehmen sie es an bei gutem Willen, und dann werden sie auch bald durch die Pforten zur Seeligkeit eingehen können, die ohne Jesus Christus jedoch ihnen verschlossen bleiben. Die endlos weite Entfernung von Mir versetzt Meine Geschöpfe in einen Unseligkeitszustand. Meine Liebe aber will ständig beglücken, Meine Liebe will euch nicht ewig in dieser Unseligkeit belassen.“

Die Kundgabe spricht nun den Zentralbereich der Christologie an, das Verhältnis der menschlichen und göttlichen Natur in Christus. Die Kenntnis vom historischen Jesus von Nazareth wird vorausgesetzt. Eine Sache des Glaubens ist es, die Menschwerdung Gottes in Jesus zu erkennen. Dudde spricht von der „Hülle“, die Jesus für Gott wurde.

In anderen Kundgaben wird die Vielschichtigkeit des Wesens Jesu Christi näher erläutert.

Demnach besteht sein Leib aus urgeschaffener Materie, also einer Materie, die nicht dem Sündenfall entstammt. Diese materielle Hülle wird beseelt durch ein Engelwesen, das Gott treu geblieben war, sich Luzifer nicht angeschlossen hatte. Dieses Engelwesen war einstmals aus der Urschöpfung hervorgegangen, die durch Gott und den noch nicht gefallenen Luzifer vollzogen worden war.

Das Engelwesen bot sich an, Mensch zu werden. Es musste sich den Versuchungen aussetzen, die Gottverlassenheit erfahren und den Tod erleiden. Trotz aller Bedrängnis und fast hilflos musste es an der Liebe zu Gott festhalten. Da die Liebe das Innerste des Wesens Gottes ist, vollzog sich ein Prozess der Vergöttlichung des Menschen Jesus. Seinen Höhepunkt erreichte er im Kreuzestod, der zugleich die gerechte Sühne für den einstigen Abfall von Gott darstellt.

Gott verherrlichte Christus, der nach Tod und Auferstehung zum schaubaren Gott wurde.Bis zu diesem Zeitpunkt war Gott auch für die Geistwesen nicht schaubar gewesen.Die Christologie der Kundgaben betont die Gottwerdung des. Menschen Jesus. Jesus, der Mensch, wurde zum Sohn Gottes aufgrund der Größe seiner Liebe.

Die hier vertretene Entwicklungschristologie findet sich schon bei Swedenborg, später bei Jakob Lorber. Ein ganz eigener Teil der Dudde-Kundgaben ist die Vorstellung über den Körper und die Seele Christi. Es zeigt sich hier gnostisierendes Gedankengut. Die häufige Betonung des vollen Menschseins Jesu schwächt die gnostische Tendenz der Dudde-Christologie dann jedoch wieder ab.

„Und darum kam Meine Liebe Selbst euch entgegen und räumte das größte Hindernis zur Seite: die Sündenschuld eures einstigen Abfalles von Mir. Dennoch fordert Eure Erlösung: durch eure eigene Bereitwilligkeit, das Eingeständnis eurer Schuld und die Bitte um Vergebung. Denn erst dadurch erkennet ihr Menschen Mich Selbst in Jesus Christus an und auch Mein Erlösungswerk. Der Mensch Jesus war nur die Hülle Meiner Selbst, die von einer Seele des Lichts bezogen wurde und Meinen Geist in aller Fülle in sich barg. Körper, Seele und Geist war sonach der göttliche Erlöser, eine Außenform, deren Seele die gänzliche Vereinigung mit dem Vatergeist von Ewigkeit anstrebte und erreichte, und also der Mensch Jesus gänzlich verschmolzen war mit Mir, so daß Gott und Mensch eins waren, daß von einer Vergöttlichung des Menschen Jesus gesprochen werden konnte oder auch von dem gänzlichen Durchströmen mit Meiner Liebekraft, die nun auch den Menschen Jesus zu einem Opfer befähigte, das nur göttliche Liebe vollbringen konnte.“

Dieser und der folgende Abschnitt erläutern den Gedanken der Erlösung durch den sich vergöttlichenden Erlöser. Die Idee vom „salvator salvandus“ , vom Erlöser, der selbst einem Vergöttlichungsprozess unterworfen ist, hat ebenfalls gnostische Wurzeln. Eine Parallele zu Swedenborg, dem Begründer der Neuoffenbarung, zeigt sich im streng monotheistischen, antitrinitarischen Gottesbild der Kundgaben. Gott trägt in sich die Qualitäten von Liebe, Weisheit und Willen. Diese Qualitäten sind „Vater, Sohn und Geist“. Sie sind jedoch nicht drei Personen eines einzigen göttlichen Wesens. Im Menschen Jesus wird die Weisheit Gottes Mensch und erfüllt sich mit der göttlichen Liebe. Die Dudde-Kundgaben haben damit scheinbar das Geheimnis der Inkarnation gelöst. Doch Dudde betont immer wieder, dass dieses Geheimnis nicht voll enthüllt werden kann.

„Es war nur die Außenhülle menschlich, diese aber vergeistigte sich gleichfalls durch die Liebe, so daß nach der Auferstehung Jesus auffahren konnte zum Himmel, ohne den menschlichen Leib zurücklassen zu brauchen, weil dieser sich gleichfalls der Seele und dem Geist angeschlossen hatte durch sein schmerzvollstes Leiden und Sterben am Kreuz. Wenn ihr Menschen sprechet von Jesus Christus, so sprechet ihr von Gott, von Mir Selbst, mit dem sich der Mensch Jesus gänzlich vereinte.“

So erklärt sich auch die Himmelfahrt Christi. Leib und Seele Christi hatten sich vergöttlicht, waren zum reinen Geist geworden. Den Leib band nichts mehr an die materielle Erde. Die Texte enthalten somit ein strikt dualistisches Gottes- und Menschenbild. Die Materie ist ein Zustand der Gefangenschaft des göttlichen Geistes. Die Materie bedarf der Erlösung, indem sie durch Liebe vergeistigt wird. Jesus Christus war der erste Mensch, der die Materie seines Körpers vollständig vergeistigte.

„Und also habe Ich Selbst die Welt erlöst von der Sünde, Ich Selbst stieg herab zur Erde, Ich Selbst lehrte und wirkte durch ihn, denn immer war es Mein Geist, der den Menschen Jesus durchdrang, weil seine Liebe übergroß war und den gefallenen Brüdern helfen wollte. Nur die Liebe konnte den Menschen Erlösung bringen, und diese Liebe ist immer bereit auf Erden wie im Jenseits, die Seelen zu erretten von der Sünde und sie einzuführen in das Paradies. Amen.“

Am Schluss betont die Kundgabe, dass es Gott selbst war, der die Erlösung vollzog. Da Gott die Liebe selbst ist, so ist jede Liebestat göttlich. Erst recht die vollkommene Liebe des Menschen Jesus, der in sich die Seele eines nicht gefallenen Engels trug. Die Christologie bildet das Kondensat der Dudde-Kundgaben. Ihr gnostisierender Charakter wird hier sehr deutlich. Sowohl die Schöpfungs- wie auch die Endzeitlehre sind letztlich Ausformungen der Lehre vom menschlichen Erlöser, der zu Gott wird.

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