Was ist Wahrheit?

Zur Erkenntnislehre der Dudde-Kundgaben.

Die Dudde-Kundgaben beanspruchen für sich, „wahr“ zu sein. Einige der Tagebucheintragungen Bertha Duddes beginnen mit der Versicherung, dass die nun folgende Offenbarung wahr sei. Gott selber inspiriere schließlich den Text und sende die Wahrheit zur Erde. Als Beispiel für eine der vielen Kundgaben, die sich mit der Wahrheitsthematik befassen, sei die Kundgabe 7767 zitiert:

Text

Der erste Satz der Kundgabe bietet schon die Zusammenfassung der Erkenntnislehre des Dudde-Werks. „Durch meinen Geist werdet ihr eingeführt in die Wahrheit.“ Gott ist es, der die Menschen erleuchtet. Das in der

Kundgabe angeführte Zitat aus dem Johannesevangelium verweist auf den christlichen Hintergrund dieses Ansatzes. Augustinus und später Bonaventura formulierten eine Illuminationstheorie der Wahrheit. Gott erleuchtet den begnadeten Menschen mit dem Licht übernatürlicher Wahrheiten. Mit dem Beginn der Neuzeit war ein metaphysisches Modell der Erkenntnistheorie nicht mehr vertretbar. Immanuel Kant postulierte, der Mensch sei ein „Selbstdenker“, Metaphysik verschließe sich einer rationalen Spekulation.

Die Kundgabe greift den skeptischen Zweifel am Bestehen einer letzten, absoluten Wahrheit auf. Sie lässt ihn aber nur in Bezug auf menschliche Spekulationen gelten. Gott jedoch sei die reine Wahrheit und er sei bereit, sie dem Menschen zu offenbaren.

Welcher Mensch nun kann in den Genuss göttlicher Eingebungen kommen?

Die Kundgaben lehren, dass ein Leben in selbstloser Liebe zu Gott und den Menschen die Voraussetzung dafür ist, durch Gottes Geist erleuchtet zu werden. Ein liebender Mensch kann sich vertrauensvoll an Gott
wenden. Fragen geistigen bzw. religiösen Inhalts werden dann durch
göttliche Einwirkung beantwortet. Dies geschieht entweder durch das Mittel der wörtlichen Inspiration oder dadurch, dass dem Menschen Gedanken
eingegeben werden, er plötzliche Einfälle hat, die ihm Antwort auf seine Frage geben.

Die Kundgaben betonen den Primat der Ethik vor der Erkenntnis: Die Liebe ist der Schlüssel zur Weisheit. Bloße Verstandestätigkeit, rationalistisches Spekulieren, sind einer göttlichen Eingebung eher hinderlich. Sie bringen Vorurteile mit sich, die den Weg zur Wahrheit
verbauen. Man könnte somit sagen, die von Dudde vertretene Wahrheitslehre ist antiintellektualistisch. Sie appelliert an das schlichte Gemüt, das sich kindlich und liebevoll mit seiner Frage an Gott wendet. Diese Wahrheitslehre steht in engem Zusammenhang mit dem Gottes- und Menschenbild der Kundgabentexte. Der Mensch ist ein aus der Nähe Gottes durch eigene Schuld gefallener Urgeist. Er ist in die materielle Welt geworfen. Seine Seele hat sich auf dem Weg durch alle Naturreiche in einer letzten Entwicklungsstufe im menschlichen Körper inkarniert. Als verbliebener Rest seiner einstigen Gottnähe ist der menschlichen Seele lediglich ein göttlicher Liebefunke verblieben. In dem Maße wie der Mensch selbstlos liebt, facht er diesen Funken zur Flamme an. Durch die Liebe nähert sich der Mensch Gott an. Nun kann Gott ihm die Teilhabe an der absoluten Wahrheit schenken.

Der hier vertretene Entwicklungsgedanke verarbeitet ein uraltes gnostisches Motiv: der Geisterfall in die Materie, der verbliebene göttliche Funke, die Rückkehr zu Gott. Gnostische Denkfiguren haben bisher jede rationalistische
Kritik überlebt. Schon der deutsche Spätidealismus hat in Schelling einen Vertreter gnostisierenden Denkens. Erst recht der Existentialismus, man denke an Heidegger und Camus, umfasst ein Fülle gnostischer Elemente. Eric Voegelin hat in seinen Studien zur politischen Gnosis schon in den fünfziger Jahren auf dieses wenig beachtete Phänomen hingewiesen. (Eric Voegelin. Der Gottesmord. München 1999)

Voegelin weist in seinen Arbeiten deutlich auf die Schwachstelle gnostisierender Modelle hin. Sie streben ein Ideal an, auf das alle seelische Arbeit verwendet wird. Die unmittelbare praktische Lebenswirklichkeit bleibt dann ausgeblendet. Sie würde nur stören, ablenken. Eine weitere Konsequenz gnostisierender Weltbetrachtung ist
die durch und durch individualistische Sicht der Dinge. Erleuchtung, Erkenntnis geschieht singulär. Der Mensch als Einzelner ist gottunmittelbar. So sind es Einzelne, Vertreter einer Elite der Wissenden,
die ihre Erkenntnisse an noch Unerleuchtete weitergeben. Erst in diesem Stadium kommt es zur Bildung von Gruppen und Gemeinschaften.

Dieser Prozess ist in spiritualistischen Gemeinschaften in dem Maße aktuell, wie gnostisierende Vorstellungen in ihnen vorherrschen. In der Leserschaft des Dudde-Werks ist es bislang noch zu keiner erkennbaren Gemeindebildung gekommen. Nicht zuletzt deswegen, weil sich Einzelpersönlichkeiten hervortaten, die auf ihrem Wahrheitsanspruch bestanden und jede Diskussion ihrer Erkenntnis verweigerten. Warum sollte auch über eine letztverbindliche Wahrheit diskutiert werden? Letzte Wahrheit lässt sich nur annehmen oder ablehnen. Wer diskutiert, gibt zu, dass er noch etwas zu lernen hat.

Die Wahrheitslehre der Kundgaben stellt einen bemerkenswerten Gedanken heraus, den es festzuhalten gilt:

Es gibt keine Wahrheit ohne Liebe. Doch leider ist kein ethischer Begriff häufiger missbraucht worden als der Begriff der Liebe. Die christliche Wahrheitslehre legte sich stets eine Beschränkung auf, wenn es gilt, letzte und absolute Glaubenswahrheiten zu formulieren. Sie folgte der Aussage des Hebräerbriefs, wo es im ersten Vers des elften Kapitels heißt: „Der Glaube ist die zuversichtliche Annahme dessen, was man erwartet, ein Überführtsein von Tatsachen, die man nicht erblickt.“ Der Glaube steht somit auf schwachen Füßen, verglichen mit einer Wahrheitserkenntnis, die ihre Sicherheit auf unmittelbare göttliche Einsprechung gründet.

Die Erkenntnislehre der Dudde-Kundgaben kann als Versuch gesehen werden, dem individuellen Glauben ein sicheres Fundament zu geben. Aus der „zuversichtlichen Annahme“ des Hebräerbriefes wird bei Dudde die Sicherheit absoluter Wahrheit. Die Spannung zwischen Glauben und Erkennen ist aufgehoben. Es ist, in den Worten des Hebräerbriefs ausgedrückt, ein
Überführtsein von Tatsachen, die Gott uns persönlich offenbart.

Es stellt sich eine Fülle von Fragen bezüglich der Voraussetzungen und Konsequenzen einer göttlichen inspirierten Wahrheitslehre.

Eine einzige sei stellvertretend an das Ende dieses Kapitels gestellt:

Ist die Wahrheitslehre Bertha Duddes wahr?

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