Die Totalität der religiösen Botschaft

Missionarischer Eifer bei den Anhängern von Bertha Dudde: Darüber gab es bisher nur wenig Material. Gerd Gutemann, ein früherer Dudde-Leser und nunmehr enthusiastischer Lorber-Freund, hat nun einen Erfahrungsbericht ins Netz gestellt.

http://www.j-lorber.de/jd/dudde/0-dudde.htm

Dem geneigten Leser stellt sich bei der Lektüre einige Fragen. So erhebt Gutemann den Vorwurf der Rechthaberei, Impertinenz und psychologischen Kampfführung gegen Personen, die sich mit dem Dudde-Schriften identifizieren. Nun bin selber auch schon zur Zielscheibe unfreundlich gesonnener Dudde-Fans geworden. Andererseits lernte ich jedoch auch sehr liebenswürdige Vertreter dieser religiösen Gruppierung kennen. Es stellt sich die Frage, ob menschliches Fehlverhalten typisch für ideologische und religiöse Kleingruppen ist, oder ob es Teile der religiösen Lehre selbst sind, die ein intolerantes und rücksichtsloses Verhalten fördern.

Bertha Dudde schrieb 1949 eine Kundgabe über die Mitarbeit von Menschen an der Verbreitung der Botschaft, die sie empfing. Dieser Text ist sehr pointiert. Es gibt durchaus andere Texte zum selben Thema, die sich moderater ausdrücken. Dennoch empfiehlt sich die Analyse dieses gewählten Textbeispiels, da religiöse Extreme schon immer eine Faszination auf glaubensbereite Menschen ausüben.

B.D. 4579 3.3.1949

„Ich habe euch auserwählt zur geistigen Mitarbeit in der letzten Zeit vor dem Ende, Ich habe euch ein Amt zugedacht, das ihr wohl verwalten könnet nach Meinem Willen, so ihr euch Mir anvertraut, also euch gänzlich Meiner Führung unterstellt. Ihr sollt also nicht selbst wollen, sondern euch führen lassen, also alles an euch herankommen lassen, nicht bangen, nicht sorgen und nicht ängstlich in die Zukunft schauen...ihr sollet nur euch Mir übergeben und Mich allein walten lassen, und es wird alles kommen, wie es Mein Wille ist und wie es der Arbeit für Mich und Mein Reich, die ihr auszuführen willig seid, zuträglich ist“.

Es soll Gott sein, der durch Bertha Dudde spricht. Adressaten dieser Kundgabe sind die auserwählten Mitarbeiter, deren Aufgabe es ist, das Wort Gottes in der Endzeit zu verbreiten.

Mit dem Wort Gottes sind natürlich die Texte Bertha Duddes gemeint.

Endzeit ist die Zeit vor der Katastrophe, die zur Umgestaltung der Erde führt.

Dieser kurze Abschnitt stellt schon klar, dass die auserwählten Boten Gottes seinen besonderen Schutz genießen, sofern sie eigenes Wollen zurückstellen.

„Ich will für euch alles regeln, Ich lenke alle eure Schritte, ich stehe euch mit Rat und Tat zur Seite, und Meinen Willen werdet ihr im Herzen spüren, d.h., so ihr euch Mir hingebet, wird euer Wille auch der Meine sein, ihr werdet denken, reden und handeln vom Geist in euch getrieben, der nimmermehr euch falsch belehren wird. Ich habe euch auserwählt, weil ich um euren Willen weiß, daß er Mir untertan sein wird und also auch Mein Geist in euch wirken kann“.

Die dienstwilligen Jünger der Endzeit sind so mit Gott verbunden, dass ihr menschlicher Wille mit dem Gottes identisch ist. So kann alles was sie in diesem Sinne tun, nur wahr und gut sein.


„Ihr könnet also jederzeit Meines Schutzes und Meiner Fürsorge sicher sein und ohne Bedenken reden, wie es euch Mein Geist eingibt, ihr könnet jeden Gedanken zur Ausführung bringen, der in euch aufsteigt, denn ihr seid nur noch die Form, die Ich Mir erwählt habe, um Meinen Geist ausstrahlen zu lassen, ihr seid in Wahrheit die Arbeiter in Meinem Weinberg, die nur den Willen ihres Herrn ausführen und jegliche irdische Tätigkeit nur verrichten im Interesse der Mission, die euch obliegt. Ihr werdet ständig geführt und traget keine Verantwortung für euer Tun und Reden, weil ihr euch Mir angetragen habt zum Dienst und Ich nun als euer Herr jede Verantwortung übernehme für Meine Knechte, solange sie Mir dienen wollen in Liebe und Treue. Und diesen euren Willen besitze Ich und segne euch dafür, denn Ich brauche euch für diese Mission auf Erden, weil das Ende nahe ist und ihr es überall verkünden sollet, weil ihr reden sollet in Meinem Auftrag zu allen Menschen, die guten Willens sind, damit sie sich vorbereiten auf das Ende, das kurz bevorsteht, wie es beschlossen ist seit Ewigkeit... Amen.“

Diejenigen, die unter Gottes Schutz und Fürsorge stehen, haben Teil an dessen Macht bis hin zur Allmacht. Sie sind zur Form Gottes geworden. Gott handelt durch sie hindurch. Somit entfällt die persönliche Verantwortung für die Taten der Endzeitjünger, da Gott ja durch sie tätig wird und somit sich alles in rechter Ordnung bewegt.

Wer kann sich durch diesen Text angesprochen fühlen?

Sicherlich solche, die die Texte stark verinnerlicht haben und in sich den Impuls verspüren, bei der Verbreitung mithelfen zu wollen. Die Generalklausel, dass alles in Liebe getan werden muss, wird jeder in diesem Sinne Dienstwillige für sich reklamieren können. Ist es doch eine Tat der Liebe, den Menschen das gereinigte Evangelium zu verkünden. Es sind Gläubige, deren Ichgrenze teilweise aufgehoben ist, die eine Differenz zwischen einer übernatürlichen Macht und den Einschränkungen eines machtlosen und irrtumsbehafteten Individuums mit Hinweis auf die Zusage dieser Kundgabe leugnen. So verwundert es nicht, dass manche Dudde-Anhänger sich berechtigt fühlen, den Gegner im religiösen Meinungskampf mit harten Bandagen anzugreifen. Einige Kundgaben, die sich mit der Bekämpfung des Irrtums, d.h. aller gruppenfremden Meinungen beschäftigen, setzen das Toleranzgebot außer Kraft. So heisst es in B.D. 8555:

“Es kann ein Wahrheitsträger nicht tolerant sein und seine Mitmenschen nicht in Irrtum belassen aus Rücksichtnahme...Er soll offen herausstellen, dass sich dieser nicht in rechtem Denken bewegt, dass er von Meinem Gegner beeinflusst worden ist, ganz gleich, in welcher Weise ihm Irrtum vermittelt wurde.“

Auch Kundgabe 5335 bedient sich einer martialischen Sprache:

„Wo Lüge und Irrtum sich festgesetzt haben in den Menschenherzen, dort kann nur mit rücksichtloser Gewalt das Reinigungswerk durchgeführt werden...“

Die Wortwahl dieses letzten Zitates ist erschreckend. Dudde schrieb diesen Satz 1952, sieben Jahre nach Kriegsende, mitten im Kalten Krieg, als der Kampf der Ideologien einen Höhepunkt erreichte und der Terminus der „rücksichtslosen Gewalt“ weniger abstoßend war als heutzutage. Die sprachlichen Extreme der gewählten Beispiele sind nicht untypisch für religiöse Urkunden. Bibel und Koran sparen ebenfalls nicht mit unverhohlener Gewaltandrohung. Wer nicht willens oder gedanklich in der Lage ist, religiöse Sprache als Mythos und Metapher zu begreifen, wird aus ihr eine naturalistische Handlungsanweisung herauslesen. Der nächste Schritt ist die Aufrüstung zu Kreuzzug oder Djihad.

Die Dudde-Texte sind im Vergleich zu Bibel und Koran zeitgeschichtliche Urkunden. Deshalb ist die Versuchung groß, ihnen den Realitätsgehalt einer technischen Gebrauchsanweisung zu unterstellen. Wer immer dies tut, hat ein Problem: Akzeptiert er die Dudde-Kundgaben als religiösen Mythos, so reduziert er die drastische Bildersprache auf eine religiöse Totalität. Totalität bezeichnet Ernsthaftigkeit in der Sache. Sie weiß aber um ihre Grenzen und achtet die Integrität der Andersdenkenden. Totalitarismus hingegen setzt sich über Freiheiten hinweg, sofern es der „guten Sache“ dient. Im Sinne der religiösen Totalität sind die Texte als inhumane Dienstanweisung entschärft. Damit ist aber auch das hermeneutische Verfahren für alle Kundgaben festgelegt: Die Deutung des Mythos durch die Übertragung in Entsprechungsbilder. Eine reine naturalistische Interpretation hingegen führt im Fall der gewählten Beispiele zum Vorwurf des religiösen Totalitarismus.

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